Startseite > Film > Avatar, oder was ist eigentlich Science-Fiction?

Avatar, oder was ist eigentlich Science-Fiction?


Schon lange bin ich nicht mehr im Kino gewesen. Einmal davon abgesehen, dass ich sowieso kein Cineast bin, ist mir in den letzten 10 Jahren auch die Zeit knapp geworden.

Als Anfang Dezember die Kulturbeilage des ‚Spiegel‘ aus demselben rutschte, sah mich ein großes blaues Gesicht mit gelben Augen an. Aus irgendeinem Grunde hat mich dieser Anblick unmittelbar elektrisiert. Sofort sah ich im Inhaltsverzeichnis nach dem zugehörigen Artikel und las ihn. Nur um einige Minuten später an meinen Computer zu gehen und nach einem Trailer zu Avatar zu suchen. Ich lud ihn mir gleich in HD (1920 Pixel Breite) herunter und sah ihn mir an. Definitiv: Dies würde der nächste Film sein, den ich mir im Kino ansehe!

Wie seit sehr, sehr langer Zeit nicht mehr, ergriff mich in den nächsten Wochen ein warmes Gefühl der Vorfreude, wenn ich daran dachte, dass ich ihn bald im Kino sehen kann. Mir war übrigens egal, ob ich ihn nun in 2D oder 3D sehen würde. Schließlich hatte ich den Trailer auch nur in 2D auf dem Computer gesehen und schon dieser Anblick hatte genügt, mich für den Film zu begeistern. In den nächsten Wochen verschlang ich nahezu jede Information zum Film – was möglicherweise ein Fehler war, aber dazu später. Schon vor der ersten Vorstellung gab es völlig unterschiedliche Meinungen zum Film und nach den ersten Vorführungen wiederholte sich dies in den Kritiken zum Film. Aber es gab durchaus viele positive Kritiken, die mir das Gefühl gaben, das mich mein erster Eindruck nicht getrogen hatte.

Mittlerweile habe ich Avatar im Kino in 3D gesehen, und meine ursprüngliche Begeisterung ist durch den Kinobesuch bestätigt worden. Avatar hat sich schon Ende Januar 2010 zum finanziell erfolgreichsten Film aller Zeiten entwickelt. Vermutlich wird er noch weitere Rekorde brechen, es ist nur eine Frage der Zeit. Mich treibt die Frage, was mir von Anfang an die Sicherheit gab, dass mir dieser Film gefallen könnte?

Die meisten von mir gesehenen Filme der letzten Jahre aus dem Science-Fiction/Fantasy Bereich haben mir beim Betrachten nicht mehr so viel gegeben, wie das in meiner Jugendzeit einmal mit ‚Star Wars IV‘, ‚King Kong 2′, ‚Indiana Jones‘ und vor allen anderen, ‚Zurück in die Zukunft I‘ der Fall war. Die Filme der letzten Jahre hätte ich nicht missen wollen, viele haben mir gut gefallen, aber sie haben mich nach der Vorstellung nicht mit so einem Aufbruchs- und Glücksgefühl im Bauch zurückgelassen, wie das vielleicht einmal in meiner Kindheit oder Jugend der Fall war. Kann natürlich sein, dass die mittlerweile erworbene Lebenserfahrung daran nicht ganz unschuldig ist…

Damit man besser verstehen kann, mit welchem Hintergrund ich hier über Avatar schreibe, führe ich hier eine kleine Auswahl der von mir gesehenen Filme samt kurzer Einschätzung auf:

  • Alien – sehr guter Film! Sehr spannend! Super gemacht. Aber eigentlich ein Horrorfilm.
  • Zurück in die Zukunft I – Ein perfekter Film! Hier geht die Science-Fiction Technik (die Zeitmaschine, der De Lorean DMC-12) mit einer packenden, netten und lustigen Story eine unschlagbare Symbiose ein, die jeden Science-Fiction Fan in seinen Bann zieht.
  • Abyss – der Hammer! Für mich der beste Film gleich nach Avatar. Für mich kam Abyss – genau wie Avatar – nach einer Folge eher langweiliger Filme wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel! Obwohl ich ihn nur auf DVD gesehen habe. Es war der erste Film, bei dem ich dachte, ‚jetzt kann es gar nicht mehr spannender sein‘ (die Szene als Bud Lindsey aus dem Tauchboot rettet) und der dann noch spannender wurde!
  • Independence Day – Hatte scheinbar für viele eine dumme Story, für mich ist es jedenfalls der beste Film von Roland Emmerich! Es gibt dort etliche Szenen, die einen Science-Fiction Fan in seinem tiefsten Inneren packen. Als Beispiel nur einmal die Szene, als der Verteidigungsminister (?) die Rede des Präsidenten unterbricht, als dieser gerade die Area 51 abtun will! Genial!
  • Matrix – Hat mir nicht sonderlich gefallen. Die Grundidee war mir in abgewandelter Form schon bekannt und den übertriebenen Kampfszenen konnte ich nichts abgewinnen. Sollten die überzogenen Szenen dazu dienen, die Virtualität von Neo zu unterstreichen, so hätte man dies auch anders machen können.
  • Terminator 1 –  Extrem beunruhigend, die unbeirrbare Zielstrebigkeit, mit der Arnold versucht sein Ziel zu erreichen.
  • Terminator 2 –  Noch beunruhigender ist die Darstellung von Robert Patrick in Verbindung mit der Fähigkeit des T-1000 aus Flüssigmetall, alles zu formen, was ihn seinem Ziel näher bringt. Auch hier gibt es keine verschachtelte Story, dafür aber viele kleine nette und auch amüsante Szenen (‚Hasta la vista, baby!‘).
  • Der Herr der Ringe – Mit dem konnte ich noch nie etwas anfangen, die ganze Story ist mir einfach viel zu fantasylastig. Einzelne Szenen wie Felsenburgen oder Elfen waren sehr schön anzusehen, aber sonst hat mir das überhaupt nichts gegeben.
  • King Kong 3 – Wirklich tolle CGI-Technik! Die Dinosaurierkämpfe – irre! Wunderschön romantisch auch die Szene mit Ann, als sie auf dem Felsen vor dem Affen tanzt und generell die Szenerie auf dem Plateau gegen Abend. Aber die Story kennt man halt schon und irgendwie fehlt im Ablauf der vielen tollen Szenen so etwas wie ein roter Gefühlsfaden. Ach ja, der Anfang von King Kong 3 ist auch sehr gut, da, wo Amerika in der Wirtschaftskrise gezeigt wird, vor allem der Stahlarbeiter auf dem Querträger.
  • Riddick: Chroniken  eines Kriegers – Von diesem Film hatte ich überhaupt nichts erwartet. Umso mehr habe ich bekommen, als ich ihn dann gesehen habe. Der Film wird von Vin Diesel und den bildgewaltigen Szenen getragen. Kein Science-Fiction Fan sollte ihn versäumen.
  • Transformers – Hier wird derart schnell gemorpht, dass es nicht auffällt, dass die Verwandlungen rein statisch gar nicht sein können. Für mich dadurch jedoch völlig sinnlos, es stellt die ganze Konstruktion der ‚Transformers‘ in Frage. Einzig Megan Fox ist in einzelnen Szenen eine Augenweide.😉
  • Der Sternenwanderer – Ganz klar Fantasy. Wenn man sich darauf einlassen kann, ist es ein ganz nettes Märchen für Erwachsene!
  • Der goldene Kompass – Da hatte ich mich darauf gefreut, da ich kurz vorher das Buch gelesen hatte und es mir ziemlich gut gefallen hat. Aber auch hier ist – wie so oft bei Buchumsetzungen – die Stimmung des Buches nicht im Film angekommen. Sehenswert sind auch hier einzelne Szenen wie das Luftschiff oder die pferdelose Kutsche – reinster Steampunk!

Ich denke, man kann erkennen, dass ich keinen Spaß an Nonstop-Action und endlosen, noch nicht einmal logisch ablaufenden Kampfszenen habe und mir eine gute (nette) Story ziemlich wichtig ist. Gegen eine integrierte Liebesgeschichte habe ich auch nichts einzuwenden.

Zu einfache Story?

Viele Kritiker bemängeln in Avatar die durchschaubare Story. Vergleiche mit den Winnetou-Filmen oder Pocahontas sind gemacht worden. Ja – aber das ist doch nichts Schlechtes, ich habe die Karl May Verfilmungen gerne gesehen. Man kann sich fragen, inwieweit es heute überhaupt noch möglich ist, völlig neue Storys zu entwickeln. Speziell dann, wenn es der Regisseur vermutlich darauf angelegt hat, ein Thema zu finden, welches ein möglichst großes Publikum anspricht. Aus dem gleichen Grund ist auch eine Liebesgeschichte niemals fehl am Platz, schließlich ist das Thema eines der ureigensten des Menschen. Liebesgeschichten zwischen einem Menschen und einer Außerirdischen gibt es nicht wie Sand am Meer. Aber es gibt sie natürlich schon, googelt einmal nach Philip José Farmer. Hier hat Cameron es sicher versäumt mehr heraus zu holen, ich denke die Liebe zwischen Mensch und Alien gibt eine Menge interessanter Themen her, aber er wollte es wohl für den durchschnittlichen Zuschauer nicht zu schwer machen. Vielleicht Thema für Avatar, Teil2?

Vielleicht ist es ihm auch ernst mit seiner Kritik am Raubbau der Erde und der Film stellt eine diesbezügliche Anklage an die Weltbevölkerung dar. Wenn dies seine Absicht war, so ist es ihm wohl gelungen. Dass die Chinesen es gleichzeitig als eine Kritik an ihrer Regierung auffassen, die gleichsam mit Zwangsumsiedlungen dazu gezwungen werden, Platz für neue Immobilienprojekte zu machen, ist ein nützlicher Nebeneffekt. Wobei ich nicht glaube, dass James Cameron dies bewusst war.

Einzelne packende Szenen aus Avatar:

  • Das Shuttle dockt von der Weltraumstation ab und fliegt hinunter zu Pandora – wunderschöne klassisch/technische Weltraum/Raumschiff Szene mit Eintrittsgeräusch des Shuttles, als es in die Atmosphäre eintritt.
  • Atemberaubend, als Jake zum ersten Mal mit dem ‚Samson‘ durch die schwebenden Berge fliegt (‚Ihr solltet mal eure Gesichter sehen‘).
  • Sehr sympathisches, lässiges Lächeln, als Jake zum ersten Mal seinen Avatar sieht.
  • Meiner Meinung sehr realistische Freude, als Jake in seinem Avatar das erste Mal aufwacht und – sozusagen – seinen friedlichen ‚Amoklauf‘ durch die Basis startet, aufgrund der starken Emotionen, die er hat, als er seit langer Zeit wieder gehen kann.
  • Beeindruckende Aussage Colonel Quaritchs ‚Es ist sehr schwer, sie zu töten‘, in der Szene, als ein Soldat in einem MPA versucht, einen Na’vi zu erschlagen.
  • Nochmals starke Aussage von Colonel Quaritch: ‚Ein Marine in einem Avatar-Körper ist eine Mischung mit Potential‘.
  • Man hat für einen Sekundenbruchteil Angst um Jake, als Colonel Quaritch mit dem ausgestreckten Finger des MPA-Arms auf Jake deutet und die gewaltige Hand des MPAs kurz vor Jakes Knie wieder stoppt. Man weiß nicht genau, ob die Organisation, für die der Colonel arbeitet, Jake die Operation zur Wiederherstellung seiner Nervenstränge bezahlt oder ob er durch den ‚Dauer‘-Einsatz im Körper eines Avatars dies gar nicht mehr notwendig hat.
  • Ganz hervorragend finde ich die schauspielerische Leistung von Jake, dem man beim ‚Alles klar Sir‘ absolut abnimmt, dass er ‚seinem‘ Colonel dienen und ein guter pflichterfüllender Soldat sein möchte, bis hin zu seiner allmählichen Veränderung, als ihm immer klarer wird, dass er wohl auf der falschen Seite steht.
  • Nochmals atemberaubend, als Neytiri sich den Baum hinunterstürzt, um auf einen Banshee zu springen.
  • Super doppeldeutig angesichts des Planeten Pandora als Colonel Quaritch den Satz ‚Sie haben sich doch nicht etwa im Wald verirrt, oder?‘ sagt.
  • Zwar in keiner Weise genial, aber doch mächtig präsent, der kurze Dialog zwischen Trudy und Jake: ‚Wir kämpfen mit Pfeil und Bogen gegen Kampfhubschrauber‘ und  ‚Dann machen wir lieber das Beste draus‘.
  • Sehr deutlich von Jake: ‚Dass das hier unser Land ist!‘

Wer viele Filme gesehen hat und sie im Wesentlichen aufgrund ihrer Story beurteilt, mag bei Avatar gelangweilt sein. Wer erwartet, dass jeder neue Film eine so neuartige Story hat, dass es ihn jedes Mal aufs Neue vor Spannung zerreißt, der verkennt, dass es sehr schwierig ist, für jemanden, der schon alles gesehen hat, etwas fundamental Neues zu erschaffen.

Viele Menschen werden diese Story so zum ersten Mal sehen, weil ständig neue Menschen nachwachsen und sie nicht alle schon alles gesehen haben können (Nicht jeder verdient sein Geld mit Filmkritik). Für diese Leute ist die Story neu und die werden begeistert sein.

Was macht eigentlich Science-Fiction aus?

Als für mich im Verlauf des Erwachsenenwerdens, einhergehend mit der auf mich eindringenden Realität und einem damit zusammengehenden, immer besseren – aber natürlich nicht vollständigem – Verständnis des Weltzusammenhangs, ein Märchen nach dem anderen, wie Seifenblasen in der Luft zerplatzte, waren es einzig die Science-Fiction Bücher, die mir gelegentlich die Möglichkeit gaben, für einige schöne Momente in eine andere, interessantere Welt einzutauchen (zu flüchten?). Fantasy schafft das bei mir nie! Es ist beim Science-Fiction gerade die Einschränkung der schriftstellerischen Freiheit durch das aktuelle wissenschaftliche Wissen, welche Stories generiert, die beim Abgleich mit dem eigenen Wissen zu Anregung und neuen Gedanken führen. Da in einer Fantasy-Story alles sein darf und nichts unmöglich ist, gibt sie dem Verstand nichts zu tun. Er muss die Story autorgegeben akzeptieren und jegliche in ihm aufkeimende Kritik hinsichtlich der Absurdität kann mit ‚es ist ja eine Fantasy-Story‘ hinweg gewischt werden. Allenfalls kann er die in einer Fantasy-Story selbst aufgestellten Regeln auf Einhaltung überprüfen, aber das ist dann eher eine Fleiß-Aufgabe, als eine unbewusst anregende Auseinandersetzung mit dem Film selbst.

Ist die Wahrscheinlichkeit der Verwirklichung des Gezeigten groß, vielleicht so groß, dass sie noch im Verlauf des Lebens des Zuschauers eintreten könnte, umso größer ist das Kribbeln im Bauch – zumindest bei mir. Derartige Science-Fiction müsste eigentlich bei allen die Bereitschaft erhöhen, an unserer Welt mitzuarbeiten! Science-Fiction, die die Möglichkeit birgt, in Zukunft verwirklichbar zu sein, sollte in einem neugierigen Menschen den Wunsch wecken, selbst zur Realwerdung des Gezeigten beitragen zu wollen. So kann ein Feuer entstehen, welches Antrieb für ein erfülltes Leben sein kann.

Das sind die Grenzen, in denen sich ein literarisches Werk oder ein Film bewegen muss, damit er sich – zumindest für mich – der Kategorie Science-Fiction zugehörig fühlen darf. Leider ist dies ist bei aktuellen Werken immer weniger der Fall. Was sich heute Science-Fiction nennt, ist oft nur in virtuelles Metall verpackte Fantasy (Transformers).

Mir fällt gerade ein, dass ich abends gelegentlich bei bestimmten Fantasy oder extrem actionreichen Filmen einschlafe. Einmal davon abgesehen, dass ich manchmal schlicht müde bin, werde ich den Verdacht nicht los, dass ich entweder geistig zu langsam bin, um diesen Filmen ausreichend schnell folgen zu können oder aber die Kombination aus unrealistischen Szenen und stupider Story mein Gehirn nicht ausreichend anregt, um in den Modus ‚Interessierte Aufmerksamkeit‘ zu schalten, der dann das Einschlafen wirkungsvoll verhindert.

Ich denke, man benötigt keine Fantasy (aber natürlich Phantasie), und damit die völlige gedankliche Freiheit, um faszinierende Geschichten zu erschaffen. Auch innerhalb des Korsetts des aktuellen Standes der Wissenschaft ist es möglich, nahezu unbegrenzt Szenarien zu kreieren, die einen beim Lesen oder Betrachten fassungslos mit offenem Mund staunen lassen. Und selbst wenn nicht alle Elemente eines Science-Fiction Romans auf einem realistischen Hintergrund fußen, so sollte wenigstens der Rest dies tun, denn sonst straft der Roman ein intelligentes und wissendes Gehirn mit Langeweile, was bei seinem Träger unmittelbar zum Einnicken führt.

Ist Avatar Science-Fiction?

Sicher erfüllt Avatar die oben aufgestellten Regeln für Science-Fiction nicht im strengen Sinn. Er legt es nicht darauf an, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit etwas Phantasie in die Zukunft zu extrapolieren und dabei auszuloten was möglich sein könnte oder nicht. Dagegen setzt er einfach auf ‚klassischer’ Science-Fiction auf und benutzt sie als Rahmen für seine Story um ein natur liebendes Volk. Aber er hält sich in manchem durchaus an wissenschaftliche Erkenntnisse, wie man an vielen kleinen Details sehen kann. Pandora ist von der Erde aus mehrere Lichtjahre entfernt. Es ist mit der heutigen Technik und auch mit einer noch zu entwickelnden Technik, die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, nicht möglich schneller als das Licht im Weltraum zu reisen. Das bedeutet schlicht und einfach, dass eine Reise nach Pandora (4,4 Lichtjahre entfernt) mindestens 5 Jahre dauert. Am Anfang des Filmes kann man sehen, wie sich die Ankömmlinge aus ‚Schlafkapseln’ heraus schälen und diese benötigt man nur, wenn man eine sehr lange Zeit überbrücken muss. Dies ist ein eindeutiges Indiz, dass auch in Avatar die Reise nach Pandora sehr lange dauern muss. Hier ist man also bzgl. der Realitätsnähe wesentlich weiter, als zum Beispiel bei Raumschiff Enterprise, wo es möglich ist, Lichtjahre in wenigen Tagen zu überbrücken.

Auch Kampfmaschinen, Fluggeräte, Waffen und Fördermaschinen sind Geräte, die so wie im Film dargestellt, möglicherweise irgendwann einmal gebaut werden könnten.

Andererseits kann ich mit nichts, was ich bisher über die Zusammenhänge des Universums und aktuellem wissenschaftlichem Wissen weiß, erklären, wie ich die gewaltige Informationsmenge, die nötig ist um ein weit entferntes, biologisch funktionierendes Wesen über meine Gedanken zu steuern, übertragen kann. Genauso wenig, wie ich auch eine nur entfernt vorstellbare Idee habe, wie man den Gedankeninhalt eines Wesens auf ein anderes übertragen kann.

Die Welt der Navi dagegen ist dagegen ein Garten Eden auf Speed, der aber sicher nichts mit dem alten Testament zu tun haben möchte, denn der ‚Baum der Seelen’ und die Fähigkeit mit seinem Schwanz jederzeit und fast überall mit der Natur in einen Direktkontakt treten zu können, ist sicher nicht bibel-kompatibel.

Dennoch wird hier nicht gehext oder gezaubert, sondern die Idee hinter allem ist sicher eine evolutionsähnliche Entwicklung, die auf Pandora halt zu einem geringfügig anderen System geführt hat, als es auf der Erde geschehen ist.

Ich denke, auch wenn es den Autoren von Avatar nicht komplett gelungen ist einen in jeder Hinsicht zweifelsfreien Science-Fiction zu schaffen, so kann man schon erkennen, dass sie sich bemüht haben. Es ist ihnen sicherlich auch nicht darum gegangen, hier ein hochwissenschaftliches Werk zu schaffen, sondern sie wollten eine schöne Geschichte im lockeren Rahmen eines klassischen ‚Science-Fiction‘ erzählen, ohne dabei in Ernsthaftigkeit versinken zu müssen und dies ist ihnen – meiner Meinung nach – zweifelsohne gelungen.

Ist es Kunst?

Ich lese seit meiner Jugend Science Fiction und hatte beim Anblick des Trailers sofort das Gefühl, dass hier endlich jemand die Bilder umgesetzt hat, die im Verlauf der Jahre beim Lesen in meinem Kopf entstanden sind. Wenn wir die Story einfach einmal beiseite lassen, was bei Avatar bestimmt nicht notwendig ist, so bekommen wir eine unglaublich realistische wirkende – aber eben nicht reale – Welt vorgeführt. Ich denke, so mancher Rezensent sieht sich Avatar an und realisiert angesichts der natürlichen Umgebung gar nicht wirklich, dass all dies nicht einfach abgefilmt worden ist, sondern von Künstlern, egal, ob sie dazu einen Pinsel oder ein CAD-System genutzt haben, erschaffen worden ist. Insofern haben sich da tatsächlich einige Mitarbeiter der Filmcrew – und nicht nur James Cameron – als Götter verhalten, indem sie ihre eigene Welt schufen.

Räumt man ein, dass Kunst – unter anderem – auch auf Kunstfertigkeit basiert, so ist Avatar zweifelsohne eine künstlerische Leistung von hohem Wert!

Ist es nicht ein positives Zeichen im Hinblick auf eine sich wieder zum Ruhigeren entwickelnde Filmindustrie, das Avatar so erfolgreich ist? Es ist ein Film, der auf Nonstop-Action verzichtet kann und dafür mit wunderschönen Bildern überzeugt. Da mir die Vorstellung, eine Zeit lang auf dem Planeten Pandora zu sein und ein wenig auf ihm und in seinen, im Vergleich zur Erde, ‚Überwäldern‘ herum zu streifen, ausnehmend gut gefällt, habe ich mich von Anfang an für das Spiel interessiert. Mich hat schon das Herumstreifen im Dschungel von ‚Far Cry‘ fasziniert! Noch habe ich das zum Film passende Spiel nicht, da die Kritiken schlecht waren und mein Computer möglicherweise nicht leistungsfähig genug ist. Aber mit dem nächsten neuen PC werde ich es auf jeden Fall einmal ausprobieren. Und selbst wenn das Spiel doch nichts taugt, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis es Spiele gibt, die aussehen werden wie der Film und einen anstatt zum Zuschauer zum interaktiven Protagonisten befördern.

Zur CGI-Technik:

Für den Filmgenuss von Avatar ist es nicht notwendig, den für seine Erschaffung notwendigen Aufwand zu betrachten. Für einen technologieoffenen Menschen ist ein Blick hinter die Kulissen aber zumindest interessant und ermöglicht zusätzlich einen Ausblick auf in Zukunft zu erwartende Filme.

Ich bin momentan nicht auf dem neuesten Stand, was die Berechnung fiktiver Welten betrifft. Haben sich die in Grafikkarten eingesetzten Verfahren mittlerweile soweit entwickelt, dass sie bisherige Techniken wie Raytracing oder Radiosity verdrängen können? Ich weiß es nicht. Ich gehe aber davon aus, dass es einen Unterschied macht, ob die mehr oder weniger  einfachen Strukturen von Maschinen oder Gebäuden, wie sie z.B. in Transformers oder G.I. Joe vorkommen, oder eine dynamische Welt wie Pandora, bei der eine natürliche Welt wie ein Wald, der sich aus Tausenden von Bäumen und Abertausenden von Ästen und Blättern zusammensetzt, die sich noch dazu im Wind bewegen, berechnet werden muss. Die Komplexität wird nochmals höher, wenn sich beispielsweise ein Protagonist in diesem Wald einen Kampf mit einem wilden Tier liefert. Diesen Kampf wird er kaum ohne Kontakt mit seiner Umgebung bestehen können, was bedeutet, dass die zu berechnende Natur mit in den Kampf verwickelt wird und ihre Lage sich abhängig von den auf sie einwirkenden Kräften beständig verändert.

Ich fasse noch einmal alles zusammen, was für die Darstellung eines Kampfes auf Pandora notwendig ist: 3D-Modelle von mehreren Bäumen, incl. Äste und Blätter, umherschwirrender Insekten, Jake, Thanator, Waffen und Kleidung. Von jedem sich bewegenden Objekt benötigt man ein hierarchisches Funktionsmodell der voneinander abhängigen Einzelelemente (Aststruktur, Skelett, Gliedmaßen), so dass man diese nicht für jedes einzelne Bild manuell verstellen muss. Nun benötigt es Algorithmen, die in Abhängigkeit von einer fiktiven Kraft (Wind, Jake und Thanator, die gegen Bäume und Äste prallen) die sich dadurch ergebende, veränderte Position jedes einzelnen Elements, in Abhängigkeit des hierarchischen Funktionsmodells, für jedes einzelne Blatt, berechnen. Und erst jetzt kann per Raytracing – oder was auch immer – dieses eine Bild berechnet werden.

Mir sind aber auch einige Schwachstellen aufgefallen. So hat Cameron darauf verzichtet, einzelne Haare darzustellen. Es gibt auf Pandora keine Lebewesen die ein Fell oder einen Pelz besitzen. Auch die natürliche Kopfbedeckung der Na’vi ist nicht bis zu einzeln erkennbaren Haare aufgelöst. Wenn Haare dargestellt werden, so sind sie wie bei Neytiri als Rastazöpfe oder bei Jake als ganze Strähnen zusammengefasst dargestellt und bewegt. Neytiris Rastazöpfe schwingen zwar absolut natürlich hin und her, aber Einzelhaare sind nicht zu erkennen.

Eine zweite Schwäche meine ich an den Kontaktstellen verschiedener, sich aneinander berührender, dynamischer Objekte festgestellt zu haben. Als Beispiel mag hier einmal Jake dienen, als er sich zum ersten Mal auf ein Dire Horse setzt. Mir scheint da die Hand in dem Moment, in dem Jake sich voll auf das Dire Horse stützt, nicht genügend durchgedrückt zu sein. Das heißt, dass die Berechnung der Positionierung der einzelnen Handknochen zueinander nicht völlig korrekt ist. Hier sind für zukünftige Filme noch reichlich Optimierungsmöglichkeiten vorhanden. Man kann daran auch sehen, dass die von Cameron eingesetzte Technik noch nicht perfekt ist. Aber sie hat einen neuen Höchststand erreicht.

Ein ungeheurer Rechenaufwand!

Warum erzähl ich das? James Cameron hat in verschiedenen Interviews gesagt, dass erst in den allerletzten Jahren die Technik zur Verfügung stand, dies es ihm ermöglichte, Avatar zu machen. Andererseits wird CGI-Technik schon seit Jahrzehnten eingesetzt, um für zahlreiche Filme das Unmögliche zu verwirklichen. Ich vermute aber – und hier sei noch einmal der in seinen Kampfszenen sehr dynamisch wirkende Transformers als Beispiel  herangezogen – dass manche ‚ruhige‘ Szene im Wald von Pandora einen höheren Rechenaufwand verursacht hat.

Finale

Sehr gut finde ich, dass Cameron keine endlose Aneinanderreihung von Action-Szenen, wie in Transformers, gemacht hat. Und er hätte es, meiner Meinung nach, gerne noch etwas gemächlicher angehen können.

Ich freue mich auf die nächsten Jahre und hoffe, dass jetzt noch mehr Regisseure den Mut haben, mit dieser Technik Science-Fiction Filme umzusetzen. Es warten noch so viele herrliche alte, wie auch neue, Science-Fiction Storys von Heinlein, Clarke, Stevenson und wie sie alle heißen, darauf, adäquat verfilmt zu werden. Mit der Avatar zugrunde liegenden Technik gibt es nun tatsächlich nichts mehr, was nicht dargestellt werden könnte. Für die einen mag dies ein Fluch sein, wobei ich denke, dass es die sind, die übersättigt sind an Filmen, die CGI-Technik nur dazu benutzen eine seelenlose Aneinanderreihung von Action-Szenen in 5.1 Kakophonie zu erschaffen. Die anderen freuen sich in den nächsten Jahren auf gelegentliche Reisen in noch nie gesehene Welten und Geschichten die sie zum Träumen und Nachdenken bringen. Dafür ist die CGI Technik erschaffen worden.

Letztlich kommt es vielleicht gar nicht so sehr auf die Story an, sondern auf die Tatsache, dass da jemand einen Film gedreht hat, der es langjährigen Science-Fiction Lesern möglich macht, ihre seit Jahrzehnten nur im Kopf aufgebauten Szenarien und Welten einmal in natura zu sehen. Nachdem wir durch Raumschiff Enterprise (Ich sehe gerade Season 1.1 von ‚Enterprise‘ – ohne Raumschiff) gleichsam jahrzehntelang daran gewöhnt sind, dass Außerirdische letztlich nur mit Latex und Silikon zugekleisterte Menschen sind, ist es unglaublich erfrischend, sie endlich einmal so zu sehen, wie sie vielleicht wirklich aussehen könnten.

ENDE

Tiefgehende Filmkritik eines Lesers von ZEIT ONLINE.

Ist James Cameron eigentlich Darwinist? Hier gibt es einen sehr schönen Text zum Thema.

Kategorien:Film
  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. No trackbacks yet.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: